David Graeber kann Debatten anstoßen. Er gilt als einer der Theoretiker der Bewegung „Occupy Wall Street“ und erregte im letzten Jahr mit einem Buch über „Bullshit-Jobs“ viel Aufmerksamkeit. Seine Kernthese: Eine große Menge an Menschen arbeitet in Berufen, die keinen wirklichen Zweck haben – und fühlt sich auch so. In einem Vortrag auf dem 36. Chaos Communication Congress in Leipzig erweitert er diese Analyse und beschreibt Berufe im Bildungs- und Gesundheitsbereich als eine neue Art Arbeiterklasse.
Die Zukunft der Arbeit ist eine der großen gesellschaftliche Fragen der Digitalisierung. Graeber aber will nicht über Technologie sprechen und beginnt seinen Vortrag mit einer aktuellen politischen Analyse. Bei den jüngsten Wahlen in Großbritannien haben die Konservativen große Zugewinne bekommen, die Labour-Partei hat immens verloren. Der Anthropologe, der an der London School of Economics lehrt, interessiert sich besonders für die Aufschlüsselung nach Altersgruppen.
Hätten nur 60-jährige und ältere abgestimmt, hätten die Konservativen in fast jedem Wahlkreis gewonnen. Das gleiche gilt für Labour, wenn nur die unter 25-jährigen gewählt hätten. Graeber schließt daraus, dass es vor allem die mittel-alten Wähler:innen seien, die diese Wahlen entschieden hätten. Und die würden sich zuletzt eher nach rechts orientieren. Graeber möchte beantworten, warum das so ist.
Zwischen administrativen und betreuenden Berufen
Seiner Analyse nach verlassen sich linke Parteien zu sehr auf das alte Paradigma von Arbeitern und Kapitalisten. Sie würden übersehen, dass es in Wahrheit um eine ganz andere Unterscheidung gehe: Die von Menschen in administrativen und aufsichtführenden Berufen auf der einen Seite und von jenen in betreuenden Berufen im Bildungs- und Gesundheitsbereich auf der anderen Seite. Letztere nennt Graeber Care-Giver.
Beides seien die aufstrebenden Beschäftigungsbereiche der neueren Zeit. Während es sich bei den administrativen Berufen um die klassischen Bullshit-Jobs seiner Theorie handelt – 35% dieser Personen in Deutschland halten ihren Job für völlig irrelevant – würden sie gleichzeitig für einen Produktivitätsverlust bei den Care-Giver sorgen.
Denn wenn immer mehr Menschen administrieren und aufsehen, brauche es auch immer mehr Material, mit dem sie arbeiten. Die Care-Giver müssten also vermehrt dafür arbeiten, die Administrativen zu beschäftigen. „Die Schaffung von Bullshit-Jobs führt zur Bullshitisierung echter Jobs“, so Graeber.
Graeber zeigt den Anstieg der administrativen Berufe im Vergleich zum Anstieg der Arztstellen in einem Diagramm. Die Entwicklung bei den Ärzten ist stetig gleich: es werden langsam mehr. Irgendwann gegen Ende der 1970er Jahre gehen die beiden Linien aber weit auseinander. Administrative Jobs werden zu dieser Zeit schlagartig mehr und bleiben bis heute ein wachsendes Beschäftigungsfeld.
Fokus auf Care-Giver
Und hier schließt sich der Kreis von Graebers Argumentation: Linke Parteien richten sich genau an diese Administrativen. Doch die seien zu obrigkeitshörig, zu sehr an Regeln und Gesetzen orientiert. Mit radikaleren Vorschlägen könne man diese Wählenden nicht überzeugen.
Aber das soll man auch gar nicht, so Graeber. Linke Parteien müssten die Administrativen als Ansprechpartner:innen für ihre Politik vergessen. Sie sollten auch die Idee der Arbeiterklasse vergessen. Es käme vor allem auf die Care-Giver an. Und zwar nicht nur für linke Politik.
„We need to start over“, sagt Graeber gegen Ende. Man müsse sich lösen von den Begriffen Produktivität und Konsum. Und man müsse den Wert von Care-Giver mehr würdigen, weil es auch psychologisch richtig sei: Menschen möchten sich kümmern.
Hier werden auch die Probleme mit Graebers Vortrag deutlich. Graeber kreiert keine eigene Theorie, dafür bleibt der Anthropologe deutlich zu vage und macht zu große und unbedarfte Sprünge in seiner Argumentation. Gleichzeitig bleibt seine Datenbasis aber zu dünn, um als empirische Beschreibung der Wirklichkeit durchzugehen. Er zeigt nur relativ wenige Statistiken, teilweise ältere, und zieht aus ihnen weitreichende Argumente. Mehrfach am Abend reichen Graeber außerdem persönliche Erfahrungen als Datenbasis.
Als Denkanstoß für die Gestaltung der Arbeitswelt von morgen funktioniert der Impuls aber allemal. Hier gibt es ihn zum Nachschauen:
